Article Number: 1391
Soft Cover, German, Staple Binding, 34 Pages, 2004
Leo Schatzl

Autorotation São Paulo:

Ein Auto im Baukasten

Ein mit 200 Expander-Gummis im Metallbaukasten aufgehängtes Automobil wird immer wieder zum Rotieren gebracht – so lautet eine lapidare Beschreibung der aufwändigen Installation Autorotation von Leo Schatzl für die 26. Biennale in Sao Paulo.

Dahinter steht die langjährige Auseinandersetzung Schatzls mit dem Phänomen der Geschwindigkeit und ihre Auswirkung auf feste Körper . Bei Autorotation handelt es sich um die bisher letzte Werkgruppe zum Thema, an der er mit seinen Künstler-Kollegen seit gut zwei Jahren arbeitet. Für Autorotation entwickelt Schatzl einen „Bausatz“, der aus ca. 40 Lochblechen unterschiedlicher Länge (2 bis 6,25 Meter) und aus Verbindungselementen wie Schrauben, Flanschen oder Winkeln besteht. Er greift damit die Idee der Metallbaukästen auf, die im späten 19. Jahrhundert erfunden wurden und die Faszination widerspiegeln, die die neuen Stahlbautechniken und Ingenieurleistungen ausübten: Fast ein Jahrhundert lang bildeten sie einen wichtigen Produktionszweig der Spielzeugindustrie - Stichworte Meccano, Trix oder Märklin. Allerdings - und darin besteht entscheidende „Eingriff“ des Künstlers - wird die Baukastenidee 25-fach vergrößert: Aus den handlichen Baukästen der Kinderstube wird ein „überlebensgroßer“ Modellbaukasten mit ca. 8 Tonnen Gewicht.
Die Zusammensetzung der Bauteile zu einem Trägersystem ist nicht zwingend, aus den universal verwendbaren Grundelementen und Verbindungsteilen könnten auch andere Konstruktionsformen gewonnen werden.

Für das Auto, das als „Rotator“ im Mittelpunkt steht, ergeben sich aufgrund der Dimensionsverschiebung jedenfalls spezifische Zuschreibungen und Bedeutungs-Überlagerungen: Als mobiler Lebensraum bestimmt es weite Teile unseres Alltags, als gesellschaftliches „Supersymbol“ steht es u. a. für individuelle Mobilität, technischen Fortschritt, sozialen Status und Mittel zur Machtausübung. In besonderer Weise trifft eine solche Zeichenfunktion auf den VW-Käfer zu. Dank seiner technisch einfachen Bauweise nach der Devise „robust, langlebig und gut“ entwickelt er sich im Nachkriegs-Deutschland zu einem Massenprodukt mit konkurrenzlos niedrigem Preis: zu einem richtigen Volks-Wagen, einem Symbol für den „Aufstieg“ der Wirtschaftswunder-Generation. Die Auslagerung der Produktion nach Süd- und Mittelamerika in der zweiten Hälfte der 70er Jahre führt auch hier aufgrund des Preis-Leistungs-Verhältnisses zu einer massenhaften Verbreitung. Im Gegensatz zu Europa ist der *fusca*, wie er in Brasilien liebevoll genannt wird bis heute als billiger Gebrauchsartikel „für alle“ auf den Straßen in Verwendung.

Diese kulturellen Konnotationen und Hintergründe spielen auch bei der *Autorotation* in Sao Paulo eine Rolle, werden aber von anderen, mechanisch-technischen und spielerischen Aspekten überlagert: Der symmetrische Karosserieaufbau des VW-Käfers und seine Glockenform sind ideale Voraussetzung für eine „runde“ Bewegung. Die grafische Gestaltung des Fahrzeugkörpers und die überdimensionale Versuchsanordnung betonen den Test- und Spielcharakter der Installation. Als Kunstwerk kann die *Autorotation* also auf verschiedenen Referenz-Ebenen gelesen werden: Als überdimensionaler Baukasten, der aus einem „echten“ Auto ein Riesen-Spielzeug macht; als ironische Teststation für parawissenschaftliche Rotations-Exerimente, die mit der Hand ausgeführt werden, oder schlicht als transformative Skulptur (Material: Lochblech, Auto, Gummiseile), bei der das Auto im wörtlichen Sinn aus seinem alltägliche Gebrauch gehoben wird, ohne jeden sentimentalen Beigeschmack.
In jedem Fall aber macht die absurd-verschwenderische Ästhetik der Installation deutlich, dass es weder um einen unmittelbar verwertbaren Zweck noch um eine didaktische Absicht geht. Das Spiel, wird als ein wichtiges Modell menschlicher Erkenntnis begriffen, als Ausdruck einer Lebens- und Denkform, die nicht auf den Nutzen ausgerichtet ist. Dahinter steckt die Einsicht, dass der Geist, wenn er schöpferisch sein will, spielen muss (Bredekamp).