Article Number: 436
Hard Cover, German, Thread Stiching, 110 Pages, 2007, Revolver - Archiv für aktuelle Kunst, ISBN 978-3-86588-373-5
Sven Johne

Leben und Sterben in Ostdeutschland und anderswo

Sven Johne ist ein Buch gelungen, in dem sich wie in einer großmeisterlichen Schachpartie Bilder und Texte gegenseitig matt setzen, ohne indes für eine Minute hermetisch zu wirken.

Johnes Experiment liest sich mit der gediegenen Beiläufigkeit eines traditionsbewussten Zeitungsfeuilletons. Dass das Buch dabei auf die unverschämteste Weise lügt, tut der Unvermeidlichkeit seiner Beweisführung keinen Abbruch. Der Band ist ein Kaleidoskop unseres Bilderglaubens. Und wo gab es zuletzt eine genussfähige Bildkritik im Tonfall eines praktischen Expeditionsberichts? ...

Die Finesse der durchweg tückischen und durchweg sorgfältig geschriebenen Publikation besteht darin, dass jederzeit um so wahrer sein könnte, was dort geschildert wird, je mehr wir daran zweifeln. Johnes Fluchtgeschichten, kleine Miniaturen der DDR-Geschichte in stoischer Nachrichtendiktion, sind ebenso wahr wie sie erfunden sein können. Sie wirken ebenso sehr am Reißbrett konstruiert, wie sie sich ebenso vielfach ereignet haben. Aber die Schnittstelle zwischen Texten und Fotografien, die irgendwo im Bund des Buches, in der Mitte zwischen den gegenüberliegenden Seiten liegen muss, dieser Automatismus, in dem die Bilder Inhalt erlangen – er wird immer fragwürdiger mit jeder neuen Totale, die auf Geschichte verweist, und jedem Stück Gras, das damit prahlt, ein Schauplatz zu sein.

Kapitel für Kapitel ergänzt Johne diese durchaus unterhaltsame Form, Bilder mit Referenzen zu tränken, durch ein ganzes Arsenal technischer Inszenierungstricks. ... Erstaunlich, wozu das Medium Buch – das hier völlig vergessen lässt, dass fast all seine Kapitel einzeln auch künstlerische Werke und damit Ausstellungsbestandteile waren – immer noch taugt. Sogar, um Medienskepsis in ein Erzählabenteuer zu verwandeln. (Gerrit Gohlke)

Publikation anlässlich der Ausstellung im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden (21. 1. - 4. 3. 2007)