Article Number: 4520
Magazine, German, Glue Binding, 286 Pages, 2008
Isabelle Graw

Texte zur Kunst - Heft 69 (März 2008)

Abstraktion

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Diese Ausgabe von Texte zur Kunst ist der „Abstraktion“ in modernen und zeitgenössischen künstlerischen Praktiken und ästhetischer Theorie gewidmet, und dabei sollen insbesondere die ökonomischen Bedingungen von Kunst im Mittelpunkt stehen.

Unser Ziel ist eine Verständigung über Abstraktion jenseits der historischen Beschränkungen dieses in kunsthistorischen Sprachusancen verbreiteten Begriffs, die dadurch zustandekommen könnte, dass wir dessen Implikationen entschieden weiter fassen, als dies im Bereich (neo-)formalistischer Beschäftigungen mit ästhetischen Oberflächen, vor allem in der Malerei, üblich ist. Und statt wie sonst üblich die Reduzierung des Abstraktionsbegriffs auf selbstreflexive Formen modernistischer Medienspezifität fortzuschreiben, versuchen die Beiträge zur vorliegenden Ausgabe, Abstraktion im Kontext der sozioökonomischen Umbrüche der Moderne zu erforschen: „Alles Feste löst sich in Luft auf,“ wie zwei Kunsttheoretiker des neunzehnten Jahrhunderts es formuliert haben.Abstrakte Kunst leugnete wegen ihres Anspruchs auf Universalität und Zeitlosigkeit oft die eigene Modernität ab. Das Ornamentale beherrschte die Kunst vieler Kulturen, und Ornamentalität gründet sich auf abstrakte Formen und Muster. War nicht Abstraktion die reine Essenz der Kunst, durch die auf einer weit grundsätzlicheren Ebene als derjenigen von ausbeuterischen, geopolitischen Verhältnissen eine echte „Weltsprache der Formen“ begründet werden sollte? Dieser im Rahmen der documenta 12 durch die allzu stark entkontextualisierende und neoformalistische Figur der „Migration der Form“ wirkungsvoll ins Leben zurückgeholte Ansatz ist sicherlich neokonservativen Inszenierungen eines vermeintlichen „Kampfes der Kulturen“ vorzuziehen. Doch werden durch ihn auch Unterscheidungen nivelliert, die es eigentlich gerade hervorzuheben gälte. Hinzu kommt, dass die Ideologie von einer Universalität der Abstraktion selbst alles andere als universell und zeitlos zu nennen ist – wie das viele zeitgenössische künstlerische Praktiken betonen, die sich explizit mit diesem Formalismuserbe auseinandersetzen (vgl. den Beitrag von Sabeth Buchmann). Vielmehr ist sie in ihrer symptomatischen Verwerfung von Geschichte durch und durch modern.Doch ließe sich die Modernität der Abstraktion vielleicht auch klarer und positiver bestimmen? Vor allem angesichts der Zerstörung traditioneller westlicher Repräsentationsformen durch die abstrakte Kunst mit den gleichermaßen abstrakten, in der Moderne etablierten Äquivalenzsystemen zwischen Ware und Währung treten neue Genealogien zutage, die mit der allzu oft vorgebrachten Spaltung zwischen der Selbstreflexivität der Moderne und der postmodernen Aneignung der Bildwelten der Populärkultur brechen (vgl. den Beitrag von Sebastian Egenhofer). Der Marxismus hat den Kapitalismus stets als einen historischen und gesellschaftlichen Prozess analysiert –