Article Number: 3022
Hard Cover, English, Thread Stiching, 544 Pages, 2011, Revolver Publishing by VVV
Erik Göngrich

The Beginning of the Missunderstanding

€ 49.00

Ist ein Buch mit 544 Seiten, 17 Kapiteln, mehr als 1700 Fotos/Zeichnungen und Texten... Ist ein Archiv das Geschichten erzählt. Ist ein skulpturales Manifest. Ist ein Modell der Realität. Ist eine Serie von Orten und Ideen.

Hinterfragt die Bilder, die wir von gebauter Moderne haben.
Denkt über Recherche-Studios als Skulptur nach.
Vereint eine Sammlung vorgefundener Nutzungen des Öffentlichen.
Entwickelt minimale Billboardhäuser mit maximalem gemeinsamen Raum.
Sieht in historischen Erinnerungen ein identitätsstiftendes Potential für die Zukunft.
Ist Inspirationsquelle und Arbeitswerkzeug für eine „realere Realität“.
Bezieht sich auf Planstädte und historisch gewachsene Städte.
Betrachtet Monumente als graphische Zeichen oder Wegweiser.
Hat einen skulpturalen Blick auf den öffentlichen Raum.
Fragt, welche Moderne uns heute noch wichtig ist.

Vierzehn Fotos, vier zeigen Lagerhäuser und neun Getreidesilos, wurden 1913 im in dem Artikel „Entwicklung moderner Industriebaukunst“ von dem Architekten Walter Gropius veröffentlicht. Diese Bilder wurden zu Ikonen der modernen Architektur. Sie standen für das fortschrittliche Amerika, wo es die funktional modernen Industriebauten wie selbstverständlich an jeder Ecke gab. Es handelt sich um Bauten, die ohne Architekten entworfen und von Ingenieuren nach rein funktionalen und formalen Grundsätzen ausgeführt wurden. Die vierzehn fotografischen Abbildungen wurden für viele Jahrzehnte (zum Teil bis heute), zum Platzhalter für modernes Bauen. Die Ironie der Geschichte ist, dass diese Lager- und Silobauten für die Begründung einer europäischen Architekturmoderne herhalten mussten, während sie in Amerika schon gar nicht mehr gebaut wurden. Sie waren längst zu teuer geworden und wurden in der Folge durch eingeschossige Stahlblechboxen ersetzt, die auch heute noch in den Vororten über das ganze Land verteilt zu finden sind.

Wenn das Missverständnis bereits zu Beginn des architektonischen Modernismus 1913 seinen Ausgang nahm, dann stellt sich mir heute die Frage, mit welchen Bildern der gebauten Moderne wir leben und inwiefern diese mit der Realität übereinstimmen. Spielen Abbildungen vielleicht eine größere Rolle, als der tatsächlich er- und gelebte öffentliche Raum? Viele kennen wahrscheinlich eine Aufnahme der Parlamentsgebäude in Brasilia01 und Chandigarh.02 Geht es aber um die Wohnungsbauten oder öffentlichen Plätze dieser Städte, fällt es den meisten wohl schwer, sich diese vorzustellen. Es scheint, als würde die modernistische Funktionstrennung der Stadt in Wohnen, Arbeiten und Freizeit – von Verkehrsplanung und den dazwischenliegenden Freiflächen organisiert - in der Rezeption bis heute fortwirken und eine Neuordnung, beispielsweise in Haus, Straße, Stadtviertel, Stadt, Land, verhindern.

Schaut man sich etwa die neuen Städte um Shanghai an, wird man feststellen, dass es sich in den meisten Fällen um eine Reproduktion von Bildern moderner Städte handelt. Selten geht es beim Bau neuer Städte, um eine Auseinandersetzung mit öffentlichem Raum oder darum, wie dieser benutzt und folglich transformiert werden kann. Oft wird er formal und rein funktional gedacht. Dennoch schleichen sich immer wieder unvorhergesehene Veränderungen ein, in Form von Objekten zum Beispiel. Diese Zufälligkeiten, die sich für eine Stunde oder mehrere Jahre ergeben sind es, die mich interessieren. Häufig sind es informelle, skulpturale oder monumentale Transformationen des öffentlichen Raumes, die mir diesen in seiner historischen Entwicklung erlebbar machen und gleichzeitig Fragen für zukünftige Entwicklungen aufwerfen. Letztendlich geht es darum, den öffentlichen Raum, mit all seinen Erinnerungen als kreatives Potential zu begreifen, das es zu nutzen gilt.

Das, was ich „Erinnerung der Zukunft“ nenne, versucht das (Vor-)Gefundene für die Zukunft wirksam zu machen. Man wird sich in Zukunft sicher an den Entwurf einer „minimalen Wohnung“ erinnern, die funktionale Trennung aller Lebensbereiche aber vermeiden. „Minimal“ beschränkt sich dann nicht auf das die Moderne prägende Konzept der „minimalen Küche“, sondern fragt vielmehr nach den minimal notwendigen Eigenschaften von Lebens- und Wohnraum, unabhängig vom jeweiligen Einkommen. In meinen Billboard-House-Skulpturen versuche ich dieser Idee folgend Bad, Küche und Schlafraum so zu minimieren, dass der traditionelle Wohnraum durch seine Öffnung nach Außen zu einem halböffentlichen Raum wird. Dieser soll maximalen Platz für den Aufenthalt mehrerer Personen bieten und den Austausch zwischen den Bewohnern der Billboard-House-Siedlung intensivieren. Durch die Integration des öffentlichen Raumes in das eigene Wohnhaus wird dieser automatisch zum Ort des Austausches und der Erinnerung. So wird meines Erachtens die reale Erfahrung des Öffentlichen, jenseits der Konsumwelt eines Shoppingcenters und parallel zu einem virtuellen Leben im Netz, wieder an Bedeutung gewinnen. Es ist mir ein Anliegen, diesen Veränderungsprozess des Öffentlichen mit meiner skulpturalen Arbeit zu begleiten und erlebbar zu machen. Dabei kann die skulpturale Transformation der Realität durch Trivialisierung oder Übersteigerung erfolgen.

Die Herausarbeitung der skulpturalen Qualitäten des Öffentlichen in all seinen Facetten durch das direkte Arbeiten vor Ort ist deshalb ein integraler Bestandteil meiner Arbeit. Ich finde es reizvoll, wenn das Forschungs-Studio zur Skulptur im Sinne einer dokumentarischen Skulptur und die Recherchezeit Teil der künstlerischen Arbeit wird. Das bedeutet für mich keineswegs eine funktionale Reduzierung auf eine Info-Box, sondern geht mit einer ästhetischen Ausformulierung einher, die mit und an sozialen und politischen Fragestellungen arbeitet. In diesem Sinne verstehe ich dieses Buch gleichzeitig als ein Archiv und Arbeitswerkzeug. Zum einen stellt es ein Erinnerungsarchiv von Orten, die ich wichtig finde zu verbinden, dar und folgt damit einem ähnlichen Prinzip wie meinen Stadtführungen. Zum anderen ist es ein Manifest für Skulpturen im Öffentlichen, ein Ort der Inspiration und ein „Modell der Realität“ um deren Qualitäten herauszuarbeiten.

Es ruft dazu auf, sich wieder bewusst durch den öffentlichen Raum zu bewegen, an ihm teilzuhaben und seine räumlich skulpturalen Veränderungen mitzubestimmen. Die Wahrnehmung der Veränderungen des eigenen Erfahrungsraumes rückt ins Blickfeld. Es geht um das Sammeln von Eindrücken und Bildern, das Sichtbar machen verborgener Teile des öffentlichen Raumes und letztendlich um eine Kritik an konventioneller Wahrnehmung. Ich selbst sehe mich in der Rolle des aktiven Archivars, der vor allem an subjektiven Geschichten und Wahrnehmungen interessiert ist: Just tell a story, but tell it!

Berlin 2011, 544 Seiten, 1712 Abb., 20,5 x 29 cm, gebunden, Englisch
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